Neulich an der Ladesäule
Einleitung
Was passiert, wenn ein Tesla-Fahrer mitten in Europa plötzlich eine Software erlebt, die hier offiziell noch gar nicht so richtig angekommen ist? Genau das macht diesen Reisebericht so spannend: Er erzählt nicht nur von einer langen Fahrt quer durch den DACH-Raum, sondern auch von einem System, das schon heute einen Blick in die Zukunft des Fahrens erlaubt.
An der Ladesäule traf ich Bernhard, der mir von seiner Reise mit von ihm nicht ganz legal genutzten FSD Supervised (FSD S) berichtete. Das fand ich so spannend, dass ich ihn bat, mir doch ein paar Fragen zu beantworten.
Wie kam es überhaupt dazu?
Chris: Bernhard, wie bist du überhaupt darauf gekommen, dir FSD S zu besorgen, bevor das System zugelassen ist? War das Zufall oder hast du gezielt danach gesucht? Was war der ausschlaggebende Moment, an dem du dir gesagt hast: „Ich probiere das jetzt aus“, statt auf das offizielle Release zu warten?
Bernhard: Als das war so. An einem Supercharger im Ausland traf ich vor einiger Zeit jemanden, der mir schon ein paar Minuten zuvor auf der Strasse aufgefallen war. Er hatte die Hände nicht so fest am Lenkrad wie ich, sondern lächelte entspannt in die Gegend. Als ich ihn dann an der Ladesäule wegen der Visualisierung der Software auf seinem Bildschirm ansprach – ich dachte irrtümlich, er habe Hardware 4 –, meinte er: «Nein, das ist FSD Supervised, ich habe da einen «Hack». Steig mal ein, wir fahren eine Runde.» Das Wetter war eher trüb, Nieselregen und viel Feierabendverkehr. Schon nach wenigen Minuten war mir klar: Wow, das will ich auch haben – ich warte schliesslich schon seit sechs Jahren darauf.
Der FSD-Hack im Detail


Chris: Kannst du uns kurz erklären, was der Hack bewirkt hat und wie er das Geofencing aufhob? War der Einbau für einen Laien machbar oder muss man tief in die Hardware-Eingeweide des Tesla eingreifen?
Bernhard: Ich fragte meinen neuen Bekannten konkret, was ich tun müsse, damit auch ich FSD S bei mir installieren kann? Er meinte er wüsste nicht, wie das mit meinem Model 3, Baujahr 2019 (und mit der FSD Option) wäre, er kläre das ab und melde sich dann bei mir. Nach einer Weile erhielt ich dann einen Anruf. «Ich habe jetzt Kabelbäume und wenn du mir noch ein wenig Zeit gibst, dann wächst dort auch noch Hardware dran.»
Als ich dann schlussendlich bei ihm war, hatte er die notwendigen Teile vor meinen Augen mit einem CAN-Bus-Adapter zusammengelötet. Es ist vom Prinzip her ein kleines «Arduino-Board1», also eine Steuerplatine für ein Elektronikprojekt. Eine solche Platine ist für unter 50 Franken frei verkäuflich. Er hat dafür im vorderen Fussbereich rechts einen Kabelkanal angezapft. Von dort habe ich ein Kabel ins Handschuhfach verlegt. Mit einem 3-D-Drucker habe ich zusätzlich noch ein kleines Gehäuse gedruckt und die ganze Technik darin verstaut. Das Ganze ist für Technikbegeisterte wie mich machbar und mein neuer Bekannter blieb fair.
Leider wurde mit der ganzen Sache aber ein Geschäft aufgezogen. Für 500 Franken (also fast das 10-fache der tatsächlichen Kosten) konnte man die notwendigen Teile über gewisse «graue» Kanäle kaufen. Als Antwort auf diese Abzocke wurde von den Programmierenden auf Github ein Bauplan veröffentlicht. Den kann man sich herunterladen. Wenn du weisst, wie ein Arduino funktioniert, dann kannst du die Software auf dein Arduino-Board laden. Das ist kein Geheimnis – sondern das Wissen ist öffentlich zugänglich. Mit ein wenig Geschick und gesunden «Löt-Fähigkeiten» konntest (dazu später mehr) du es selber bauen und in deinen Tesla einfügen.
Für mich war der Fall klar: die Software ist da und ich will diese Software haben. Beim Fahren bleibe ich stets hellwach und kann jederzeit eingreifen. Ich denke, ich weiss, was ich tue. Ob ich nun unseren «Autopiloten» oder «Tempomaten» aktiviere oder FSD S, ist von meinem Erwartungslevel her dasselbe. Das Auto tut mit dem FSD S tatsächlich mehr selber. Als Beispiel beim Spurwechsel, da entscheidet es selber und blinkt vorher, ich muss nichts machen. Ich schaue nach vorne und überwache das System.

Was auf der Strecke gut funktionierte — und was nicht
Chris: Du bist mit dem Hack von Basel über Deutschland bis in den Osten von Österreich – insgesamt rund 900 km praktisch ohne Eingriffe. Welche Streckenanteile waren das (Autobahn, Landstrasse, Passstrassen, Stadt)? Wie hat sich das System an den Grenzübergängen, Baustellen, Kreisel usw. verhalten? Gab es Momente, in denen die Software sichtlich „verwirrt“ war, weil sie sich plötzlich in einer unkartierten Region wähnte?
Bernhard: Ich bin von der Nordwestschweiz Richtung Pfändertunnel und dort durch die Dörfer, dann auf die deutsche Autobahn, dann auf die österreichische Autobahn und dann bis zur ungarisch-österreichischen Grenze. Primär bin ich Autobahn gefahren und habe in den Baustellen FSD S abgeschaltet, weil das System mit den verschiedenen farbigen Linien immer noch «Stress» hat. Da merkt man, dass das neue System für unsere Verhältnisse noch nicht trainiert ist. An der Grenze habe ich FSD S abgeschaltet. Ich wollte verhindern, dass sich das System eventuell an der Grenze «komisch» benimmt.
Beim Überfahren von weissen durchgezogenen Linien – da zögert das System. Dann schalte ich ab. Auch mit der Busspur hat er Probleme. Er blinkt und will rechts auf die Busspur – dann muss ich abbrechen. Aber FSD S hält sich an die Vorschriften, die besagen: 2 Sekunden bevor du die Spur wechselt sollst du blinken. Die 2 Sekunden reichen für den Eingriff aus, wenn man aufmerksam dabei ist.
Ich habe HW3 mit dem Intelprozessor aus dem Jahr 2019 und deshalb habe ich natürlich noch Version 12 und nicht Version 14.X. Wobei der Intel-Chip nur für die Visualisierung zuständig ist. Das, was das Auto bisher schon und auch mit FSD S steuert, ist das Hardwaremodul und das ist auch bei meinem alten Auto schon HW3. Die benötigte Hardware für den Hack besteht aus nur zwei Komponenten: das ist das Rechenboard und die Kameraeinheit oben in der Frontscheibe. Das ist integraler Bestandteil und bei HW3 und HW4 unterschiedlich, aber es geht mit Hardware 3. Bei HW3 kann die Kamera z.B. die Hände des Fahrers nicht sehen, sondern kontrolliert nur die Augen: wer eine Abdeckung auf der Kamera hat, kann das System nicht benutzen. Wenn man zu lange wegschaut, macht es Piep, Piep. Eigentlich wie schon jetzt beim Autopiloten. Was man neu nicht mehr machen muss, ist am Lenkrad einen Druck ausüben. Ich platziere die Hände bisher normalerweise immer am Lenkrad und übe leichten Druck aus. Dann piept gar nichts – irgendwo müssen die Hände ja hin. Fahrer mit HW4 sagen, dass man bei Tageslicht dank der Kontrolle über die Hände sehr gut «hands off» fahren kann. Die Hände müssen in der Nähe des Lenkrads bleiben, sie müssen jedoch nicht dauernd am Lenkrad sein. Sonst hat sich FSD S in meinem Auto gut verhalten. Es gab keine Probleme.

Wenn Tesla über Nacht abschaltet
Chris: Du hast mir erzählt, dass das FSD S abgeschaltet worden ist. Tesla hat den Hack inzwischen per Software-Update deaktiviert und die FSD-Funktionen bei vielen gehackten Fahrzeugen wieder gesperrt. Wie hast du das bei dir erlebt? Wann und wie hast du die Deaktivierung bemerkt? Wie genau lief das ab? Hat das Auto dich während der Fahrt gewarnt, oder war die Funktion nach einem nächtlichen Update einfach spurlos verschwunden?
Bernhard: Tesla hat das System bei mir über Nacht deaktiviert. Wenn ich nun das Modul einstecke, dann habe ich keinerlei Assistenten mehr – nur noch die Visualisierung von FSD ist sichtbar. Wenn das Modul eingeschaltet ist, verfüge ich über keinen Autopiloten und keinen Tempomaten mehr. Ist das Modul wieder abgesteckt, dann ist das normale Standardsystem wieder da.
Es ist im Prinzip alles da. Tesla muss nur noch die Freischaltung des FSD S machen. Da ist kein Software-Update nötig – sondern einfach nur ein «Freischalten».
Zurück zum europäischen Standard

Chris: Nachdem du nun das „echte“ FSD erlebt hast: Wie gross ist die Enttäuschung, jetzt wieder mit dem eingeschränkten europäischen Standard-Autopiloten fahren zu müssen?
Bernhard: Sagen wir es einmal so. Ich kann damit leben. Ich fahre durchaus gerne selber. Morgens fahre ich gerne selber zur Arbeit – am Abend bin ich froh um das Assistenzsystem. Ich habe gerne die Wahl.
Was FSD in Europa noch fehlt
Chris: Zum Schluss: Nach deiner 900-km-Erfahrung mit dem Hack – was erwartest du vom „echten“ europäischen FSD S und wo siehst du noch die grössten Baustellen?
Bernhard: Aus Sicht der Schweiz ist das so, wir haben die bilateralen Verträge mit der EU und da gibt`s den sogenannte «Cassis de Dijon»-Prinzip1 und das ist die Möglichkeit gegenseitiger Anerkennung der Zulassung. So hat zum Beispiel die Schweiz für das damals neu eingeführte Tesla Model 3 die Homologisierung aus der EU per Antrag (Tesla) fast gleichzeitig auch für die Schweiz anerkannt.
Die Behörden in den Niederlanden haben FSD S mit HW4 mit Daten von 1,6 mio Km getestet, ausgewertet und neu auch zugelassen.
Damals, als ich mein Model 3 mit HW3 im Dezember 2018 bestellt habe, hat Tesla gesagt, dass alle allenfalls notwendigen Hardware-Updates für mich als FSD-Käufer stets inklusive sind, wenn in meiner Region eine FSD-Zulassung kommt. Das war nicht in meinem Kaufvertrag niedergeschrieben, sondern das waren Aussagen von Tesla beim Kauf. Bisher war es immer so: Tesla hat zwar den Zeitrahmen nicht eingehalten aber seine Zusagen eingehalten. Ob das tatsächlich auch jetzt stimmt, muss sich zeigen.
Zum Beispiel sieht das FSD S, dass ein Mensch zwischen einem geparkten PKW verschwindet. Das System merkt sich das – dass dort an der Stelle ein Mensch gewesen ist und es ist deshalb sensibilisiert, dass eventuell dort wieder ein Mensch auftauchen kann. Das verbraucht «temporären» Speicher. Man kann das mit dem Kurzzeitgedächtnis vergleichen. Dazu braucht es HW 4.
Und jetzt redet man von «FSD Light». Es gibt von Tesla eine Patent-Anmeldung, die auf einen reduzierten «temporären» Speicherbedarf fokussiert ist. Das FSD S 14 Datenmodell soll bei Anwendung der patentierten Fähigkeiten auch mit den limitierten Fähigkeiten der HW3 zurechtkommen. Ich gehe davon aus, dass Tesla das Patent vorher ausprobiert hat. Das ist kein Wolkengebilde, sondern hat Hand und Fuss, sonst würde man dieses Patent nicht veröffentlichen. Und damit erhofft sich Tesla, FSD S 14 auch an Hardware 3 Besitzer ausliefern zu können. Damit könnte der zugesagte Hardware Upgrade von bzw. ein physischer Austausch von Komponenten ohne Kosten für den Kunden unterbleiben. Nicht erforderlich wäre unter diesen Umständen auch ein auf HW3 angepasstes, eigenes FSD S für HW 3 (Retrofit), was mit viel Aufwand verbunden wäre.
Ausserdem wird in den Niederlanden eine Sammelklage von Tesla FSD HW3 Besitzer vorbereitet. Das Argument ist, dass auch die Eigentümer von alten Teslas FSD gekauft und bezahlt haben, es jetzt aber nicht erhalten. Ich denke, da tut sich was.
Die Zulassung für FSD HW4 wird vermutlich im Sommer in die EU kommen. Was ich mich noch frage ist, ob FSD auch für Touristen aus der EU, die in die Niederlande fahren freigeschaltet ist. Geofencing? FSD hat eine sehr grosse Medienaufmerksamkeit. Da gibt es sicher Druck. Ich könnte mir für die nächsten Wochen einen regen «Tesla-Tourismus» in die Niederlande vorstellen. Für die Schweiz, die erfreulicherweise oft mit einer pragmatischen Haltung Probleme löst, ist eine schnelle Freigabe von FSD S – immer vorausgesetzt Tesla beantragt die Zulassung in der Schweiz – denkbar. Der Druck ist gross und die Verkaufszahlen gehen momentan durch die Decke. Als Vorteil kommt dazu, dass sich Elon Musk zur Zeit mit politischen Äusserungen zurückhält.
Famous last words: Ich habe mich auch der ganzen Fahrt während mehr als 900 Kilometern immer mit dem FSD S sicher gefühlt. Das Ding hat ein paar Fehler. Auf der Autobahn habe ich festgestellt, dass FSD die Tendenz hat in der mittleren Spur zu kleben und dann aus irgendwelchen Gründen auf die linke Spur will. Das «Warum» entzieht sich meinen Kenntnissen, ähnlich wie im aktuellen Autopiloten. Dann habe ich das wie üblich einfach mit dem Lenkrad (drehen) abgebrochen. Ich muss FSD dann wieder aktiv einschalten. Unten links auf dem Display, wo man die typischen Meldungen sieht, dort poppt in solchen Situationen eine Meldung auf – du hast FSD aktiv abgeschaltet. Dann gibt Tesla die Gelegenheit, mit einem Druck auf die Sprachtaste anonym den Grund für die Abschaltung mitzuteilen – vielleicht lieber nicht Schweizerdeutsch? Tesla benutzt diese Meldungen für das Training.
Insgesamt war der Hack technisch so einfach, dass ich glaube, dass Tesla das mit Absicht so gemacht hat im Sinne von «wir lassen jetzt mal ein paar Cracks Trainingsdaten sammeln». Die Unsicherheit im Baustellenbereich ist eine Frage von mangelnden Trainingsdaten. Das kriegen die sehr schnell hin. Das System war aus meiner Sicht gar nicht für europäische Strassen trainiert. Und für dieses Manko war es super.
Auch die Überholmanöver waren sehr gut. Er beherrscht sogar das «LKW-Hopping» – du fährst auf eine zweispurige Autobahn und bewegst dich vernünftig und sparsam und nicht ganz so schnell, so ca. 115 km/h. Deshalb musst du immer wieder LKWs überholen. Und wenn sich dann von hinten ein Schnellfahrer genähert hat, dann hat er wirklich Lücken zwischen zwei LKW`s so genutzt, dass er nach der Durchfahrt des Anderen wieder raushoppen konnte, ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren. In Situationen, in der ich gesagt hätte, nein die Lücke ist mir zu kurz und deshalb hinter dem Lastwagen klebe und mich beschleunige. Das hat FSD sich gut errechnet und umgesetzt. War die Lücke zu klein, dann ist er links geblieben. Vorbildlich. Und das war FSD Version 12 (V12). Das ist wie z.B. Windows XP und Windows 11. FSD V.12 kann sich keine Parklücke auf dem Parkplatz suchen und kann vom Parkplatz auch nicht auf die Strasse zurück fahren. Die Version 14 kann das. Auch der Umgang z.B. in einer Einbahnstrasse mit engen Verhältnissen und geparkten Autos ist mit V.12 sehr gut. Das System reagiert kooperativ und intelligent wie ein Mensch. Ob das System rückwärts fährt? Also V.12 sicher nicht – eventuell V.14.x?
Und wie geht es jetzt weiter?
Nochmals zum möglichen Retrofit: vielleicht hat Tesla etwas gelernt und baut HW5 so, dass man HW3 leicht upgraden kann. Denn als HW4 kam und Tesla gesagt hat, es gebe keine Rückwärtskompatibilität – dann hat das einen grossen Shit-Storm ausgelöst. Ich möchte das jetzt aussitzen und das Versprochene einlösen. Ich fahre meine Autos lange – so 10 Jahre (und die Batterie ist immer das kleinste Problem). Mir reicht mein Auto und die von den Regulatoren erzwungenen Ablenkungen (Piepstöne) bezüglich der Geschwindigkeitsüberschreitungen sind nervig und kontraproduktiv. Nachhaltig ist, wenn man ein Elektroauto lange fährt (gilt nicht für Verbrenner).

Einige Bilder in diesem Artikel sind mit KI generiert worden, mangels Originalbilder.
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